Romeo Stepanenko, 3W3RR


...und nun schreibt Romeo selbst aus dem Gefängnis.

Wir zitieren vollinhaltlich, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass der nachfolgende Text ausschließlich die Meinung des Autors wiedergibt.

...und nun schreibt Romeo selbst aus dem Gefängnis. Im Laufe der Vorbereitungen für die Verhandlung vor einem Schwurgericht habe ich mehrere kalifornische Gefängnissen von Innen gesehen. 2007 kam es zwischen meinen Anwälten, Richter Breyer und dem Ankläger zu einem außergerichtlichen Vergleich: Ich sollte mich als Mitbeteiligter schuldig bekennen, nicht aber angeben, ‚Boa‘ zu sein (wie es ohne Anhaltspunkte in der Anklageschrift und überall sonst geschrieben stand). Das Schwurgerichtsverfahren bliebe mir erspart, die Haftzeit werde mir angerechnet, ich würde ein freier Mann sein.
Niemand, weder die Richter, die Staatsanwälte oder die Beamten, wollen ein Schwurgericht. Es bedeutet bloß zusätzliche Arbeit für sie und hält bloß vorübergehend ihre Laufband-Routine auf. Diese Rotine der Anklage beruht auf einer geradezu industriellen Abfolge von Haft, Verhör des Angeklagten, um ihm auf jede denkbare Weise ein Geständnis abzupressen, worauf er verurteilt wird, ins Gefängnis kommt und seine Strafe absitzt. So wird das Förderband wieder frei und kann den nächsten Brocken aus dem Steinbruch heranschaffen. Michelle Alexander zitiert in der New York Timesin ihrem Beitrag Das Justiz-System gehört vors Gericht Timothy Lynch, den Direktor des Strafjustiz-Projekt an am liberalen Cato Institute: ‚Die Wahrheit ist, dass die Regierungsbeamten das System bewusst so instrumentiert haben, dass es nur selten zum in der Verfassung vorgesehenen Schwurgerichtsverfahren kommt.“ Und so wurde in meinem Fall zwischen den Parteien formell vereinbart . dass weder die Vereinigten Staaten noch eine Anklagebehörde noch eine andere Institution der Strafverfolgung etwas gegen mich vorbringen würden. Sie würden mich nicht daran hindern, das Land zu verlassen. Sie würden keine neue Anklage gegen mich vorbringen.
Ich weiß seit langem, dass man keinem Staat trauen darf, am wenigsten den Vereinigten Staaten. Aber ich hegte eine schwache Hoffnung. Ach, Hoffnung – der Zufluchtsort der Dummköpfe. Der russische Autuor Varlam Shalamov traf dem Punkt, als er schrieb: ‚Hoffnung ist wie Fesseln auf dem Gefangenen. Hoffnung ist nie Freiheit. Ein Mann, der auf etwas hofft, ändert seinen Charakter und prostituiert seine Seele häufiger als ein Hoffnungsloser. … Man kann bloß auf eine Chance hoffen, auf einen glücklichen Zufall, mit dem sich schlagartig alles ändert. An diese Erwartung haben wir uns geklammert und klammern wir uns weiterhin. Darauf beruht die gesamte Gefängniswelt.’ Ich hatte gehofft, dass man mich nur deshalb entlassen würde, damit sich meine Kläger auf meine Spur setzen konnten, sie, die in all den Jahren trotz weltweiter Nachforschungen bisher nichts gegen mich gefunden hatten.
Der Deal zwischen der Anklagevertretung, dem Richter und meinen Rechtsanwälten verhalf mir zu einem Flugticket von San Francisco nach Miami, weiter nach Grenada (in der Karibik) und über Caracas, Venezuela, nach Quito, Ecuador. Vereinbart wurde, dass ich am 28. August 2007 den Verhandlungssaal des Bundesgerichtshofs in San Francisco als freier Mann verlassen werde und mich ein US-Marshal zum Flugzeug eskortiert, damit sichergestellt sei, dass ich das Land verlasse. Ade, Amerika?
Nicht doch, nicht so schnell! Die Sache nahm eine unerwartete Wendung, wenngleich ganz nach dem ‚Gerechtigkeitsgefühl’ dieses Landes. Für den Transport in den Gerichtssaal werden Häftlinge routinemäßig von den US-Marshals um die Taille und mit Handschellen gefesselt. In diesem Zustand wurde ich an jenem Tag mit dem Kopf voran auf den Betonboden des Santa Rita Country Jails gestoßen - vor den Augen anderer Sträflinge, die wohl denken mussten, jetzt sei ich erledigt. Ich schlug so schwer mit dem Kopf auf, dass mir das Blut aus der Nase, den Ohren, den Augen und aus dem Mund rann und ich ohnmächtig wurde. Hatte man mir das angetan, um mich ruhig zu stellen oder mir das Hirn zu benebeln? Oder geschah es auf jemandes Anordnung – oder besser noch – aus überschäumender Liebe zur Demokratie? Als ich wieder zu mir kam, auf dem Boden, in einer Blutlache, erinnerte ich mich an mein Training als Boxer. Ich brachte ein Knie hoch, stand auf und spuckte Blut und Stücke gebrochener Zähne aus. Man nahm mir für ein paar Minuten die Handschellen ab und schleppte mich zu einem Wasserhahn. Dann erst zogen wir los – gewissermaßen unter dem Sternenbanner, dieser Manifestation von Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit. Übrigens, ich habe seit diesem Tag vor fünf Jahren vergeblich versucht, eine ärztliche Untersuchung und ein MRT zu erhalten. Alle meine diesbezüglichen und späteren Anträge und Petitionen werden routinemäßig auf allen Ebenen ignoriert, von den Gefängnismedizinern bis zu den Bundesrichtern.
Als ich an diesem Augusttag im Jahr 2007 vor dem Richter am San Francisco-Bundesgericht stand, litt ich noch immer unter den Folgen dieses Vorfalls. Der Richter war bereit, mich zu entlassen, und ich war bereit, die Reise in mein geliebtes Ekuador anzutreten. In diesem Augenblick erhoben sich im Saal ein paar ‚Männer in Schwarz’ aus Washington, DC. Sie erklärten dem Richter Breyer, dass für sie sämtliche allenfalls getroffenen Arrangements null und nichtig seien. Am Vorabend sei nämlich eine neue Anklage gegen mich erhoben worden – basierend auf den gleichen unbewiesenen Tatsachen, aber unter Berufung auf eine unterschiedliche Rechtsgrundlage im Eastern Federal District of New York. Und dorthin wurde ich einige Monate später mit der ConAir überstellt.
Mittlerweile geht das Jahr 2012 dem Ende zu, und noch hat mich kein Gericht der Vereinigten Staaten wegen irgendwelcher Vergehen verurteilt. Ich verbringe nun ohne Urteil schon bald zehn Jahre in mehreren Anhaltelagern und Haftanstalten. Ich halte mich für einen Kriegsgefangen, innerhalb des Krieges, den die Vereinigten Staaten - als ihre Version von ‚Gerechtigkeit’- in einem Kampf gegen jene allgemeine Gerechtigkeit führen, wie sie im Rest der Welt verstanden wird. Nichts, das mir widerfährt, hat auch nur andeutungsweise mit Gerechtigkeit zu tun. Es ist offenbar nicht von Bedeutung, wie mein Fall manipuliert wird und wie gefinkelt die Vereinigten Staaten ihn führen. Nun gut, soll man mich eben in die Ecke drängen. Mit dem Rücken zur Wand werden die Sicht und der Verstand klarer.
Seit November 2007 war ich in gut einem Dutzend Haftanstalten und sitze nun im New Yorker MDC Brooklyn ein, einem Anhaltelager für Sträflinge, die in New York von einer Einrichtung zur anderen verschoben werden, und einem Gefängnis für Menschen, die auf ihr Verfahren warten. Auch ich warte noch: auf eine Verurteilung anhand der in NY gegen mich erhobenen Anschuldigungen. Im Voruntersuchungsbericht (‚Presentencing Report‘ - PSR), den mein Bewährungshelfer für den Richter verfasst hat, werde ich humaner Weise auf der 52. Stufe für das empfohlene Strafausmaß gereiht. Das ist mehr als lebenslänglich. Lebenslänglich rangiert an 43. Stelle.
Die Ankläger und die ‚Männer in Schwarz‘ wollen dasselbe. Je mehr Jahre ich ausfasse, umso besser ist das für ihre Karriere und ihre Personalakte. Ihrer Meinung nach muss meine Mindeststrafe 27.5 Jahre betragen. Das ist exakt die Zeitspanne, die man mir ursprünglich zumaß, sofern ich nicht bereit sei, ihr Spielchen mitzumachen und unter Eid gegen einige populäre Politiker ehemaliger Sowjetrepubliken auszusagen. Hätte ich das getan, wäre ich längst frei, so wie eine ganze Reihe von Spitzenleuten von CarderPlanet, ShadowCrew und ihren Reinkarnationen an Gruppen und Organisationen. Einige dieser Leute sind mir da und dort in einem Gefängnis begegnet. Keinem von ihnen hatte man mehr als vier Jahre aufgebrummt.
Noch ist der Tag meiner Urteilsverkündung nicht festgesetzt. Wie der Prozess verläuft und wozu ich verurteile werde, wird sich erst zeigen. Mittlerweile arbeiten meine Rechtsanwälte ein Memorandum zum Verfahren aus. Aber unabhängig vom Urteilsspruch werde ich nach Verbüßung der Strafe nach San Francisco verbracht werden, wo meine Erstanklage bis dahin zur Wiederaufnahme ruht. So sind eben die Winkelzüge der amerikanischen ‚Gerechtigkeit‘.“


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