Rundfunk in Österreich 1925 - 1938
1924: Klotz, Stäbchen und Radio - Der Elektro- und Radio-Matadorbaukasten
Wer kennt ihn nicht, den Urahn aller Konstruktionsbaukästen… Nur die Matador-Fans aber wissen, dass man in den Zwanzigerjahren mit entsprechenden Zusatzbauteilen auch physikalische und elektrische Instrumente bauen konnte, so auch eine komplette Telegraphiestation mit Sender und Empfänger. - Weil seine beiden Söhne sich beim Spiel mit Holzbausteinen ständig stritten und der eine die aufgebauten Klötze des anderen immer wieder umwarf, suchte der Bauingenieur Johann Korbuly nach einer Idee, wie er dieses Problem lösen könnte. Schließlich bohrte er in die Bausteine kleine Löcher und schnitzte dazu passende Stäbchen, um die Klötze miteinander verbinden zu können. Die Grundidee von Matador war geboren. - Wie nahe man stets dem Zeitgeist war, beweist nicht nur der Umstand, dass es Ende der Dreißigerjahre Bauanleitungen für Panzer, Scheinwerferbatterien und dergleichen gab. Bereits am 24. Februar 1924 meldete Korbuly das Patent 97534 für einen „Baukasten zur Herstellung von Modellen elektrischer Maschinen und Apparate“ an.
Die Kapelle Bert Silving
“Die Programme der zwanziger Jahre (präsentierten sich) als bunte Mischung aus ‚klassischer’ Musik, Oper, Operette, Salon- und Unterhaltungsmusik, letztere wurde bevorzugter Weise von rundfunkeigenen Ensembles, Symphonieorchestern oder kleinen Salonorchestern dargeboten. Die Sendungen wurden größtenteils direkt aus den Rundfunkstudios überragen. … Die vom Publikum bevorzugten Programme lassen sich aus den von Radiozeitschriften veranstalteten Umfragen nach ihren ‚Radiolieblingen’ erkennen. … Eine Umfrage der ‚Radiowelt’ von 1926 zitiert folgendes Ergebnis: ‚Der Erste: Ernst Arnold mit 3220 Stimmen; der Zweite: Berthold Silving mit 2751 Stimmen.’ … Das Bert Silving Quartett mit Hans Faltl, Bert Silving, Josef Richter und Franz Horak war das erste Musikensemble der RAVAG gewesen. Bert Silving hatte mit seiner ‚Künstlerkapelle’ auch das offizielle Festprogramm zur Eröffnung des Senders bestritten und war über lange Zeit Programmgestalter, Dirigent, Solist und Sänger in einer Person. Von seiner Gruppe konnte man all das erwarten, was die Hörer ansprach: vom Wienerlied und den Salonschrammeln bis zur Operette, Oper und zum Streichquartett. Die Vielseitigkeit von Bert Silving repräsentiert das Selbstverständnis des damaligen Rundfunks als Unterhaltungsmedium für jedermann.“
Zitat: S 349, Elisabeth Th. Fritz, Helmut Kretschmer (Hg), „WIEN Musikgeschichte. Volksmusik und Wienerlied, Teil 1. 2006, Münster: LIT-Verlag - Bild: Peer Andersen, "Radio Wien", 1924
1924-1938 - Österreich entdeckt das Radio
Am 7. September 1924, an dem die Wiener Herbstmesse eröffnet wurde, begann die RAVAG mit einem mehrstündigen täglichen Musik- und Vortragsprogramm. Am 1. Oktober 1924 nahm die RAVAG schließlich den regulären, tägliche Sendebetrieb auf "Welle 530" (= 566 kHz) auf. Der Erfolg war sensationell. Trotz der geringen Sendeleistung von 350 Watt stieg die angemeldete Teilnehmerzahl innerhalb von nur 4 Monaten von 11.000 auf über 100.000 an. Wien gehörte damals allerdings mit beinahe 2 Millionen Einwohnern zu den 10 größten Städten der Welt. Im Weihnachtsgeschäft 1924 waren Kopfhörer der große Renner und wurden zur teuren Mangelware. Die Sendeleistung wurde auf 700 Watt verdoppelt und in Graz, der Heimatstadt des Radiochefs Oskar Czeija, wurden die Arbeiten zur Errichtung eines Senders aufgenommen, der am 30. März 1925 in Betrieb ging. Auch für Klagenfurt und Innsbruck wurden Sender bestellt. 1924 kann in ganz Europa als das eigentliche Geburtsjahr des Rundfunks angesehen werden. Innerhalb dieses Jahres stieg die Anzahl der Stationen von 17 auf 54
Fotogalerie RAVAG 1929
Teil 1: Anlagen in Wien
Zum fünften Jahrestag der Gründung der RAVAG ließ Oskar Czeija ein Fotoalbum anlegen, das Aufnahmen zu allen zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Anlagen enthält. Diese bisher unveröffentlichten Bilder legen wir hier aus dem Nachlass von Oskar Czeija vor. (Foto: Sender Wien-Rosenhügel. Die drei Antennenmasten dienten dem Markenzeichen der RAVAG als Vorbild.) -- OCGF/ALB29 Fotoalbum, undatiert, Querformat 425x330mm, Deckblätter mit dunkelgrünem Leinenpapier kaschiert, seitl. Versärkung und Eckenschutz aus Halbleder. Schwerer brauner Fotokarton, vierfache Lochung, mit grüner Kordel einzeln verschnürt. 153 Fotografien (davon 6 Doubletten), meist 1120x165mm, Sepiatönung, A: unbekannt. Bildelegenden mit weißer Tusche in Fraktur-Akzidenz. Erfassung: Christine Ehardt, 09-12/2004
Fotogalerie RAVAG 1929
Teil 2: Anlagen in den Bundesländern
Zum fünften Jahrestag der Gründung der RAVAG ließ Oskar Czeija ein Fotoalbum anlegen, das Aufnahmen zu allen zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Anlagen enthält. Diese bisher unveröffentlichten Bilder legen wir hier aus dem Nachlass von Oskar Czeija vor. (Foto: Sender Wien-Rosenhügel. Die drei Antennenmasten dienten dem Markenzeichen der RAVAG als Vorbild.) -- OCGF/ALB29 Fotoalbum, undatiert, Querformat 425x330mm, Deckblätter mit dunkelgrünem Leinenpapier kaschiert, seitl. Versärkung und Eckenschutz aus Halbleder. Schwerer brauner Fotokarton, vierfache Lochung, mit grüner Kordel einzeln verschnürt. 153 Fotografien (davon 6 Doubletten), meist 1120x165mm, Sepiatönung, A: unbekannt. Bildelegenden mit weißer Tusche in Fraktur-Akzidenz. Erfassung: Christine Ehardt, 09-12/2004
Der Großsender Wien-Bisamberg
Anlässlich der Sprengung der Sendemasten im Februar 2010 folgt hier eine Gesamtdarstellung bis zur Gegenwart
1933 errichtet als "Bollwerk gegen das Vordringen deutscher Rundfunkpropaganda" - weltweit erster selbststrahlender Mast, weltweit erste Richtfunkanlage - 1938-1945 Nebensender "Donau" des Großdeutschen Rundfunks - 1945 gesprengt und bis 1950 nicht wiederrichtet, weil die westlichen Alliierten dem "sowjetischen Element" keine Ätherstimme gestatten wollten - 1950-55/59 erstmals wieder über den Großraum Wien hinweg präsent - 1959 demonstrativ als Anlage der wiederstandenen Republik eröffnet - in den letzten Sendejahren verlässlicher demokratischer Informant für die Nachbarn im sozialistischen Machtbereich - zuletzt Musterprojekt für frei zugänglichen Hörfunk...
Vorgeschichte
1923: Versuchssendungen ("Radio Hekapohon") mit 0,2kW. Standort: Radiotechnische Versuchsanstalt des Technologischen Gewerbemuseums in Wien.
1. August 1924: Versuchssendungen mit 0,35kW im ehemaligen Kriegsministerium, jetzt Heeresministerium, Wien-Stubenring, auf ca. 530m. Hochantenne.
1. Oktober 1924: Beginn des offiziellen Sendebetriebs der RAVAG.
1925: Erhöhung der Sendeleistung auf 0,5kW
30. Januar 1926: Betriebsbeginn einer neuen Sendeanlage in Wien-Rosenhügel, mit 5kW
1. September 1927: Erhöhung der Sendeleistung auf 15kW
1924-1933: Stubenring-Sender bleibt als Reservesender erhalten. Errichtung von Nebensendern in den Bundesländern
Chronologie Bisamberg
28. Mai 1933: Eröffnung der Anlage Wien-Bisamberg (359m). Richtantenne mit Hauptstrahlrichtung Westen (Zwei im Abstand von 115m aufgestellte gegen Erde isolierte rautenförmige Blaw-Knox-Sendemasten < = Doppelpyramiden>). Masthöhe: ¼ der Betriebswellenlänge = 130m. Gitterspannungsmodulierter 100kW-Sender.
(Bei der Konstruktion der beiden identen Maste wurde die Möglichkeit eingeplant, einen 5 Meter hohen zusätzlichen Mastteil mit einem bis zu 15 Meter verschiebbaren Stahlrohr auf die Mastspitze aufzusetzen, um eventuellen Änderungen der Wellenlänge Rechnung tragen zu können.)
Gemeinsame Planung: Ig. Gridl (Bau Sendemast Winter 1932/33) und Waagner Biro (Bau Richtmast Herbst 1933) Die Abspannseile: Felten & Guilleaume (Sendemast); Sankt Egyder Eisen- und Stahl-Industrie-Gesellschaft in Wien (Richtmast)
Überprüfung der Pläne, Berechnungen für die Ravag: Ernst Melan
(Mastbau nur während der Sendepausen, sonst Lebensgefahr. Während der Radiosendungen musste der Mast geerdet werden.)
1933-1939 Energieversorgung über die internen Dieselgeneratoren, anschließend Stromversorgung
1944: Programmzubringung über drahtlose Mikrowellenverbindungen (Wellenlänge 10cm)
6. April 1945: Letzte Sendung Reichssender Wien
7. April 1945: Sowjetische Truppen besetzen das Funkhaus
13. April 1945: Zerstörung Sendergebäude und Masten durch die abziehenden SS-Truppen. Sprengung der Kraftzentrale kann im letzten Augenblick verhindert werden.
